Inselbuch: Anne von Green Gables auf Prince Edward Island

Gemütliche Lesestunde mit Anne auf Green Gables von Lucy Maud Montgomery

In diesem Winter möchte ich mich nach Kanada lesen. Spannende kanadische Neuerscheinungen meiner Leseliste hinzufügen und tief in die unglaubliche sprachliche und kulturelle Vielfalt des Landes eintauchen. Denn die Frankfurter Buchmesse, auf der sich Kanada letzte Woche als Gastland unter dem Motto „Singular Plurality“ präsentierte, hat mir Lust auf mehr gemacht. Und mich auch an das allererste kanadische Buch erinnert, das ich jemals gelesen habe: „Anne von Green Gables“ von Lucy Maud Montgomery.

Die warmherzige Geschichte über das sentimentale, unkonventionelle und temperamentvolle rothaarige Waisenkind Anne Shirley hat mich in meiner Kindheit vollkommen in den Bann gezogen. Und nun ist es an der Zeit, meine Begeisterung an die nächste Generation weiterzugegeben. Im vergangenen Frühling hat meiner Mutter auf einer kleinen Insel in der Nordsee meine alten Anne-Bücher vom Dachboden geholt, sie ordentlich entstaubt und anschließend zu ihrer Enkeltochter auf eine Insel mitten in der Ostsee geschickt. Hier sitzt jetzt meine 9-jährige Tochter vollkommen versunken in den Erzählungen über ein rothaariges Mädchen, das vor mehr als 150 Jahren, 5 000 km Luftlinie entfernt, auf einer Insel am Rande des Atlantiks geboren wurde. Sie hat die ersten sechs Bücher der Serie in einer rasanten Geschwindigkeit gelesen und sich danach in der Schulbibliothek die Buchreihe noch mal auf Schwedisch ausgeliehen. Die schwedische Übersetzung des Buches erfolgte übrigens interessanterweise schon 1909 – ganze 77 Jahre vor der ersten deutschen Ausgabe. „Anne på Grönkulla“, wie der schwedische Titel lautet, soll übrigens zu Astrid Lindgrens absoluten Lieblingsbüchern gehört haben und sie zu ihren starken Mädchenfiguren Pippi Langstrumpf und Madita inspiriert haben.

Aber wie erlebt ein Kind im Jahr 2021 diesen Jugendbuchklassiker? Ist er noch aktuell und relevant? Ich war neugierig und habe meiner Tochter ein paar Fragen gestellt:

Du hast die ersten sechs Bücher der Romanserie „Anne von Green Gables“ gelesen. Mit welchen drei Wörtern würdest du die Bücher beschreiben?

Romantisch – fantasievoll – spannend

Wie gefällt dir der Hauptcharakter Anne Shirley?

Anne hat sehr viel Fantasie. Für meinen Geschmack redet sie aber ein bisschen zu viel. Ich glaube schon, dass ich gerne mit ihr befreundet wäre. Sie ist sehr treu und würde niemals ihre beste Freundin im Stich lassen.

Was hat dir an den Büchern besondere Freude bereitet?

Die vielen schönen Beschreibungen. Und wenn ich von einer Serie das erste Buch gelesen habe, dann möchte ich immer weiterlesen. Ich habe erst die ersten sechs Bücher gelesen und möchte jetzt die beiden letzten noch lesen, da die Geschichte im Buch „Anne in Ingleside“ noch nicht richtig abgeschlossen ist. Anne hat ein spannendes Leben und ich möchte gerne wissen, wie es mit ihr weitergeht.

Gibt es eine Stelle, die dich besonders beeindruckt hat?

Das Buch „Anne in Kingsport“ finde ich am besten. Hier studiert Anne am Redmond College, um Lehrerin zu werden. Ich möchte irgendwann auch irgendeine Art von Lehrerin werden. Im Buch „Anne in Avonlea“ ist mir eine Stelle besonders in Erinnerung geblieben. Anne hat hier ihre erste Stelle als Lehrerin. Anne findet die Prügelstrafe nicht gut. Ihre Freundin Jane hat jedoch eine andere Meinung, sie findet, dass man als Lehrer nicht ohne Prügel auskommen kann. Jane glaubt nicht an Annes Methode ohne Schlagen. Als Anne einmal einen schlechten Tag hat und doch ein Kind schlägt, lacht Jane Anne aus.

Das Buch spielt vor ca. 150 Jahren. Wie wäre das Buch anders gewesen, wenn die Handlung zu einer anderen Zeit stattgefunden hätte?

Man merkt ja am Beispiel mit der Prügelstrafe, dass heute vieles anders gewesen wäre. Man sieht beispielsweise auch, dass es noch keine Telefone gab. Erst im fünften Buch „Anne in Four Winds“ kommen Telefone. Es wird mit Kutschen gereist und alle haben viele Tiere. Die Geschichte würde sich sehr verändern, wenn sie zu einem anderen Zeitpunkt spielen würde. Anne schreibt auch sehr viele Briefe, heute würde sie wahrscheinlich SMS an Gilbert schreiben.

Die Geschichten von Anne spielen auf Prince Edward Island in Kanada. Merkt man, dass der Schauplatz der Bücher eine Insel ist?

Bei „Anne in Four Winds“ wohnt Anne direkt am Meer. Da gibt es den Hafen und den Leuchtturm und man merkt schon, dass es eine Insel ist.

Lucy Montgomery ist auf Prince Edward Island aufgewachsen. Glaubst Du, dass ein Schriftsteller einen Ort persönlich kennen muss, um über ihn schreiben zu können?

Es muss ja einfacher sein, wenn man den Ort kennt. Aber ich glaube, dass Lucy Montgomery sehr viel Fantasie hatte und auch über andere Plätze schreiben könnte. Wenn ich ein Buch schreiben würde, würde ich damit anfangen, etwas zu wählen, was ich kenne und dann noch etwas anderes dazumischen.

Hat dich das Buch an andere Bücher, die du gelesen hast, erinnert?

Nicht direkt. Aber Lucy Montgomery hat ja auch noch ein Buch über ein Mädchen, das Emily heißt, geschrieben. Das möchte ich auch noch lesen. Ich glaube, dass die Bücher sich ähneln, da Emily auch ein Waisenkind ist.

Und eine letzte Frage: Anne von Green Gables war einer der Lieblingsbücher von Astrid Lindgren und man sagt, dass Anne ein Vorbild für Pippi Langstrumpf gewesen sei. Findest du, dass Anne und Pippi Gemeinsamkeiten haben?

Sie sind beide stur und störrisch. Ich finde, dass Anne ein bisschen mehr Fantasie hat. Ich glaube aber, dass sie sich in ihrem Temperament sehr ähnlich sind. Die Haarfarbe von Pippi und Anne ist auch gleich. Sie haben beide keine Mama mehr und wohnen auf einer Insel. Ich kann mir auch vorstellen, dass die beiden Schriftstellerinnen Lucy und Astrid sich gut verstanden hätten.

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