Zwischen Meeres- und Waldrauschen

Stürmische Nordsee am Weststrand in Hörnum auf Sylt

Meine Erzählung über Wälder fängt mit der waldlosesten Zeit meines Lebens an. Einige Jahre lang wohnten meine Familie und ich mitten in den Dünen auf Sylt. In Hörnum Nord gab es weit und breit keine Bäume. Nur ein paar zähe Sträucher, vom Westwind verbogene Moorbirken und zwei struppige Tannenbäume, die wir nach unseren Weihnachtsfesten hoffnungsvoll in den sandigen Boden vor unserem Haus pflanzten. Für ein wenig Grün in der eintönigen Sylter Dünenlandschaft. Wenn im Sommer erbarmungslos die Sonne brannte, gab es in Hörnum Nord keinen Schatten. Wenn im Winter ein Sturm mit zwölf Windstärken über die Dünensteppe fegte, gab es keinen Widerstand. Keine Bäume zum Umfallen. Auf Sylt hatten wir den Strand, das Meer und die Wellen gleich um die Ecke. Aber keinen Wald weit und breit. Und das fehlte uns.

Aufgewachsen bin ich auf der waldreichsten Insel der Nordsee. Auf Amrum schmiegt sich ein langer Waldstreifen entlang des Dünengürtels. Und für die Insulaner ist dieser Wald etwas ganz besonders. Schon meine Großeltern fuhren jeden Sonntag in die Inselmitte, um „in den Tannen“ spazieren zu gehen. Meine Oma forschen Schrittes voraus, mein Opa etwas widerwillig fünf Schritte hinterher. Nachdem er im Zweiten Weltkrieg durch halb Russland marschieren musste, ergaben Sonntagsspaziergänge für ihn nur wenig Sinn. Einige Jahrzehnte später schaute seine damals einjährige Urenkelin gebannt zu, wie das Orkantief „Christian“ innerhalb von wenigen Stunden große Teile des Amrumer Waldes zerstörte. „Huuui, huuui, huuui.“ Aufgeregt stand sie am großen Wohnzimmerfenster und fuchtelte wild mit ihren kleinen Armen. Erst flog der Kinderwagen durch den Garten, danach der Strandkorb. Und anschließend die Bäume. Wie Streichhölzer fielen sie auf Straßen, Reetdächer und Autos und hinterließen eine Spur der Verwüstung. Erschrocken begutachteten wir am nächsten Morgen die gespenstischen Lücken, die die gewaltigen Sturmböen in den Inselwald gerissen hatten. Die kleinen, geschmeidigen und anpassungsfähigen Bäume standen noch, die großen, starren und mächtigen waren umgefallen. Ein Bild, das ich noch heute im Herzen trage.

Mittlerweile wohne ich mitten in der Ostsee auf der schwedischen Insel Gotland. Hier gibt es Rauken, die Ringmauer und auch eine Menge Wald. Direkt neben unserem Haus befindet sich ein kleines Waldstück, durch das sich die schwedische Prinzessin Eugenie im 19. Jahrhundert mit der Eisenbahn zu ihrer Sommerresidenz Fridhem fahren ließ. Für mich ist der kleine Wald überschaubar, für meine Kinder ist er ein unendlicher Abenteuerspielplatz. Abwechselnd wird das Gebiet zu einem gallischen Wald voller Wildschweine und Römer, zu Robin Hoods Sheerwood Forest oder an ganz unerschrockenen Tagen sogar zum Verbotenen Wald rund um Hogwarts. In unserem ersten Winter auf der Insel trafen wir hier an einer Wegkreuzung einen hungrigen Fuchs, der uns lange und prüfend anschaute und schließlich wieder leise hinter den Bäumen im Schnee verschwand. Seit dieser Begegnung wird mit einsetzender Abenddämmerung die Fantasie größer als der Mut. Sobald die Finsternis zwischen die Bäume kriecht, laufen wir schnurstracks nach Hause. Meine Kinder lieben ihren Wald, fürchten sich aber auch ein wenig vor ihm. Und irgendwie kann ich das verstehen.

Am allerliebsten sind mir windgepeitschte Küstenwälder. In denen Nadelbäume auf Heide und Sand treffen. In denen sich Meeresrauschen mit Waldrauschen verbinden darf. Tiefe und unendliche Wälder hingegen locken mich eher nicht. Und ich glaube, dass die Ursache dafür schon in meiner Kindheit gesät wurde. Meine Mutter ist im südlichsten Teil Schwedens aufgewachsen. Seit ich denken kann, schüttelt sie sich beim bloßen Gedanken an die dunklen Waldlandschaften, die sich nördlich der schonischen Provinzgrenze auftun. Noch heute bekomme ich auf unseren endlosen Reisen zwischen Deutschland und Schweden Nachrichten von ihr, in denen sie sich besorgt erkundet, ob wir es schon durch die düsteren Wälder Smålands geschafft haben und das Meer wieder in Sicht sei. Ich kann das gut nachfühlen und schließe mich ihr und ihrem Lieblingssänger Ulf Lundell ohne Zaudern an: „Jag trivs bäst i öppna landskap, nära havet vill jag bo“ * . Und wenn dann in der Nähe noch ein Wald ist, umso besser!

* dt. Übersetzung : „Mir gefällt es am besten in der offenen Landschaft, in der Nähe des Meeres möchte ich wohnen.“

Dieser Beitrag ist Teil der Blogparade Waldrausch von Finnweh!

10 Kommentare zu „Zwischen Meeres- und Waldrauschen

    1. Oh, ich kann dir Gotland (und auch Fårö) nur wärmstens empfehlen: Die Strände, die Klippen, die Rauken und die wunderschöne Hansestadt Visby. Im Sommer ist es fast mediterran hier. Die Nachbarinsel Öland möchte ich aber auch unbedingt noch erkunden – schade, dass die Fähre zwischen den beiden Inseln nicht mehr fährt. Dan könnte man Island-hopping machen! Alles Liebe!

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      1. Öland ist auch traumhaft. Die Insel kann ich ebenfalls sehr empfehlen. Die karibisch anmutenden weißen Sandstrände im Osten, die Rauken im Nordwesten, der verwunschene Wald im Norden, die Fossilienküste im Westen,……alles dort ist auch einfach traumhaft schön. Aber Götland stand immer auf meiner Todo-List und deine Fotos hier die wecken noch mehr Lust darauf. Danke dir sehr…..viele liebe Grüße, Manuela

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    2. Habe Deinem wunderbaren Waldrauschen gelauscht. Auf Sylt habe ich kleinen, feinen Zauberwald auf der Wattseite vom Klappholttal und einen alten knorrigen Kiefernwald bei Kilometer 23 entdeckt.. Auf Gotland war ich auch nicht. Hört sich spannend an. Liebe Grüße, Susanne

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      1. Oh ja, es gibt ein paar ganz feine Wäldchen auf Sylt. Ich mag beispielsweise sehr gerne das Waldstück zwischen Kampen und Wenningstedt – ein wunderbarer Spaziergang mit Kiefern, Heide und Dünen! Die Pippi-Langstrumpf-Insel Gotland hingegen zieht mich auf eine ganz andere Weise als Amrum oder Sylt mit ihrer abwechlungsreichen und mystischen Erscheinung in den Bann!

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      2. Ja auf Sylt gibt es zwar wenige Wäldchen, aber immerhin so den ein oder anderen kleinen verwunschenen Wald. Genau, den beispielsweise am Klappholttal, der ist auch echt niedlich, mit seinen verbogenen Kiefernästen. Vor Jahren wollte ich dort im Klappholttal mal Malkurse geben. Wegen Krankheit musste ich das dann seinerzeit aufgeben. Viele liebe Grüße Manuela

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      3. Das Klappholttal ist toller Ort für Seminare! Und das Wäldchen dort ist auch einer meiner Lieblingsplätze auf Sylt. Und dann gibt es ja auch noch das Südwäldchen in Westerland, den Wald in Rantum, in dem der Inselwaldkindergarten sein Quartier hat, oder das Waldstück am Hörnumer Leuchtturm. Aber in Hörnum Nord, wo ich gewohnt habe, gab es definitiv mehr Meeresrauschen als Waldrauschen! Und das war auch schön! Alles Liebe!

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  1. Liebe Manuela, in dem Kiefernwäldchen habe ich auch schon gesessen und gezeichnet. Solltest Du da mal einen Kurs anbieten, wär ich, so es zeitlich passen würde, dabei! Ich bin gerne mal im Klappholttal. Es hat eine schöne Athmosphäre. Liebe Grüße, Susanne

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