Schwarzer Sand, kullernde Steine und Hippietrommeln: Winterinselleben auf La Gomera

Romantische Gasse im Ortsteil La Calera im Valle Gran Rey auf La Gomera

Im Sommer geben die Sylter richtig Gas. Und im Winter hauen sie ab. Vorzugsweise auf die Kanarischen Inseln. Denn dort ist es fast wie zur Sommerzeit auf Sylt: Es gibt schöne Strände, super Surfspots und strahlenden Sonnenschein. Auch wir passten uns während unserer Zeit auf der Insel ganz natürlich diesem Sylter Jahresrhythmus an. Zwischen April und Oktober kümmerten wir uns Tag und Nacht um unsere Gäste. Mitte November, wenn sich nur noch ein paar hart gesottene Touristen gegen den bissigen Westwind die Friedrichstraße hochkämpften, kratzten wir unseren Jahresurlaub und unsere Elternzeittage zusammen und folgten den anderen Einheimischen auf ihren Flug gen Süden. Und so waren wir nicht nur in Westerland, sondern auch im Flugzeug nach Teneriffa Süd unter uns. Obwohl das Sylter Gastronomenehepaar in der Sitzreihe vor uns sicherlich gerne auf unsere Gesellschaft verzichtet hätte. Mit müden Augen schauten sie meinen elf Monate alten Sohn an, der sich während des fünfstündigen Fluges aufgrund seiner eingegrenzten Mobilität zunehmend in Rage schrie. Schüttelten verständnislos den Kopf und murmelten vorwurfsvoll, dass es doch so schöne Kinderhotels in Deutschland gäbe. Ich nehme es ihnen nicht übel. Der Sylter Sommer saugt jegliche Freundlichkeit restlos auf und die beiden brauchten ganz dringend ihre wohlverdiente Winterpause.

In Teneriffa Süd trennten sich dann unsere Wege und die beiden konnten endlich in ihre kinder- und gästelose Erholung starten. Für uns hingegen ging es noch weiter bis nach La Gomera. Erst mit der Fähre von Los Cristianos nach San Sebastian und anschließend mit dem Taxi in das Valle Gran Rey im Westen der Insel. Und alle Credits, die unsere Kinder vielleicht auf dem Flug verloren hatten, holten sie bei der kurvenreichen Inselüberquerung wieder auf. Denn während wir uns in Endlosschleifen Bergstraßen hochschraubten, erwiesen sich ihre Mägen als äußerst robust und ich dankte im Stillen den zahlreichen schaukeligen Überfahrten mit dem Adler-Express von Hörnum nach Amrum, die sich jetzt als eine großartige Vorbereitung für dieses Manöver herausstellten. Auch unser Taxifahrer, der uns während der Serpentinenfahrt besorgt im Rückspiegel beobachtete, konnte irgendwann entspannen und fing an, von „unserer“ Kanzlerin zu schwärmen, die ihren Jahresurlaub gerne mit Wandern auf Gomera verbrachte. Das sei „muy, muy bien“ für seine Insel, sagte er und zeigte uns stolz das Hotel, in dem Angela zu residieren pflegte.

Nicht nur Angela, sondern auch uns hat die Insel vollkommen in ihren Bann gezogen. Denn Gomera ist dramatisch, urwüchsig und märchenhaft schön. Schon bevor wir Kinder hatten, wanderten wir hier durch wildromantische Schluchten, chillten auf schwarzem Lavasand und ließen uns vom mystischen Nebelwald verzaubern. Und dass, obwohl Gomera für uns am Anfang keine selbstverständliche Wahl war. Die weißen Traumsandstrände und Weltklasse-Kitereviere der anderen Kanarischen Inseln lockten uns eigentlich viel mehr, aber wir hatten keine Lust auf große Bettenburgen. Und so legte uns ein guter Freund, der viele Jahre auf den Kanaren als Wanderführer gearbeitet hatte, mit Nachdruck Gomera ans Herz: „Ich glaube, Gomera passt zu Euch. Ihr werdet die intensive Energie auf der Insel lieben“. Und er sollte recht behalten. Denn auf der Vulkaninsel La Gomera geht es um genau das: starke Energien. Und wenn man diese besondere Gomera-Energie einmal gespürt hat und mit ihr resoniert, dann lässt einen die Insel nicht mehr los. Und man kommt immer und immer wieder.

Und so machte mein Herz auch vor Wiedersehensfreude einen Hüpfer, als das Taxi endlich um die letzte steile Kurve bog und sich das majestätische Tal „Valle Gran Rey“ in all seiner Farbenpracht vor unseren Augen erstreckte: knallgrüne Palmenhaine, tiefdunkle Klippen, kunterbunte Häuser und der immer gegenwärtige sattblaue Atlantik. In unserem Zuhause für die nächsten acht Wochen erwartete uns schon unsere Gastgeberin Celia. Während sie uns durch unser Ferienhaus führte, kam in mir das übersprudelnde Gefühl auf, dass diese Winterpause auf Gomera richtig gut werden würde. Und dass wir uns hier im Tal des großen Königs auch mit Kindern königlich entspannen könnten. Denn das Haus bot dafür die perfekten Voraussetzungen: Es gab einen kleinen Garten voller Maracujas, Bäume für die Hängematte, eine schattige Terrasse sowie eine große Spielzeugkiste für die Kinder. Wie ein unbeschriebenes Buch lagen die nächsten Wochen vor uns. Und wir konnten es kaum erwarten, sie jeden Tag nach einem Copy-Paste-Verfahren mit wunderbaren Erinnerungen zu füllen.

Denn viele Variationen in unserem Tagesablauf gab es nicht. Jeden Morgen wurden wir pünktlich von einem kräftigen Hahnenkrähen geweckt. Ich zog mir meistens schnell wieder die Decke über den Kopf, während mein Mann die Frühschicht übernahm und mit unseren Kindern eine Morgenrunde entlang der Strandpromenade in La Playa drehte. Hier wurde zunächst den kleinen Kätzchen Guten Morgen gesagt und anschließend genüßlich leckere Brötchen, ein munter machender Cortado sowie frischgepresster Orangensaft verzehrt. Ich startete derweilen mit einer Yoga-Session auf unserer Terrasse in meinen Gomera-Tag und stürzte mich anschließend in die Wellen am La Playa. Am kleinen Dorfplatz trafen wir uns dann wieder und machten uns zusammen auf unsere morgendliche Einkaufsrunde im örtlichen „Supermercado“ oder in einem der gutsortierten Bio-Läden. Irritiert nahm unsere Tochter am Anfang des Urlaubs zur Kenntnis, dass ja alle um sie herum „ihre Sprache“ sprächen. Zwar wurde unser kleiner Sohn jeden Morgen vom Supermarktbesitzer an der Promenade mit einem überschwenglichen „Hola bandito“ begrüßt, aber es war unüberhör- und -sehbar, dass das „Valle“ fest in deutscher Hand war. Das wurde selbst uns manchmal zu viel und so konnte es passieren, dass wir ein wenig rebellisch in unsere zweite Familiensprache wechselten und jedem selbstverständlichen „Hallo“ ein freundlich schwedisches „Hej“ zurückschmetterten.

Auch beim Mittagessen gab es zur großen Freude unserer Kinder keine große Abwechslung, denn mit den „papas arrugadas con mojos“, den kleinen runzeligen Pellkartoffeln mit Meersalzkruste und Sauce, hatten wir bei unseren Kindern einen geschmacklichen Volltreffer gelandet. Mit einem Bauch voller Kartoffeln gab sich mein Mann nach dem Mittagessen liebend gerne spanischen Gepflogenheiten hin und hielt eine ausgedehnte Siesta in der Hängematte. Unsere Kinder erfreuten sich unterdessen an dem bunten, blinkenden und piependen Plastikspielzeug in unserem Ferienhaus, dass einen wunderbaren Kontrast zu unserem ökologischen und pädagogisch wertvollen Spielangebot zu Hause darstellte. Beim anschließenden Maracuja-Bananen-Kokos-Eis schmiedeten wir Pläne für den Nachmittag. Sollten wir heute unsere Kinder am Baby Beach planschen lassen oder am Hafenstrand eine Runde schwimmen gehen? Und vielleicht vorher noch auf den Lieblingsspielplatz mit Meeresblick gehen oder in La Calera das Treppensteigen üben? An den meisten Tagen fiel unsere Wahl jedoch auf den Playa del Ingles, den berühmten Hippiestrand mit schwarzem Sand, wilden Wellen und schroffen Felsen. Dieser war zwar überhaupt nicht zum Baden mit kleinen Kindern geeignet, hatte dafür aber wieder diese spezielle Energie – unbändig, intensiv und magisch. Am Playa del Ingles angekommen, rannten und krabbelten unsere Kinder blitzgeschwind über den brennend heißen Sand, um unsere Lieblingsfelsnische zu besetzen. Von unserer geschützten Steinburg aus beobachteten wir dann das bunte Treiben am Strand und fühlten uns fast ein wenig wie auf Sylt. Denn auch hier wimmelte es von leidenschaftlichen FKK-Anhängern, die sich übermütig in die gefährliche Brandung stürzten und sich anschließend zur Stärkung einen leckeren Schoko-Bananen-Crêpes vom blond gelockten Crêpeverkäufer gönnten. Nur der Sand war eindeutig um einige Farbtöne dunkler. Und das übte eine ungewöhnlich starke Faszination auf unser jüngstes Familienmitglied aus. Mit beiden Händen schaufelte sich unser Sohn unablässig den schwarzen Lavasand in den Mund, leckte anschließend genüsslich seine sandigen Hände ab und schuf somit wahrscheinlich einen hervorragenden Ausgleich für den Mineralienmangel, der aus seiner einseitigen Kartoffeldiät resultierte.

Sobald sich die steile Felswand am Playa del Ingles rot färbte, war es höchste Zeit für den Aufbruch. Denn das absolute Tageshighlight wartete noch auf uns und durfte unter keinen Umständen verpasst werden. Zum Sonnenuntergang trifft man sich im „Valle“ zum Trommeln, Tanzen und Feuerspucken am La Playa. Und diese Mischung aus Touristenspektakel und Hippietradition führte allabendlich das heterogene Publikum des Tals zusammen. Mit einem kalten Dorado in der Hand saßen hier einträchtig Wanderurlauber in beiger Multifunktionskleidung neben Hippies in bunten Batikkleidern; deutsche Familien in Elternzeit neben deutschen Auswanderern im Dauerurlaub. Gemeinschaftlich verabschiedeten sie die Sonne, die begleitet von ekstatischen Tänzen und dröhnenden Trommeln, jeden Abend zuverlässig im Meer versank. Kurz nachdem sich die Dunkelheit über das Tal gespannt hatte, flogen unter großem Applaus glühende Feuerbälle in den tintenschwarzen Nachthimmel. Hungrige Urlauber strömten in die Restaurants entlang der Promenade; große und kleine Kinder kickten einträchtig auf dem Dorfplatz; Hippies klimperten auf der Gitarre und verkauften selbst gemachten Schmuck und alteingesessene Dorfbewohner traten mit großem sportlichem Ehrgeiz und wildem Gestukilieren zum Boulespiel an. Alsbald unsere Kinder sich ihre müden Äugelein rieben, machten wir uns auf den Nachhauseweg. Immer am Lieblingsmandelbaum vorbei; immer mit einem funkelnden Sternenzelt über unseren Köpfen, der salzigen Atlantikluft in unseren Nasen und dem rhythmischen Geräusch der hin- und herkullernden Steinen in unseren Ohren. Noch würde es ein paar Stunden dauern, bis wir wieder von dem lauten Krähen geweckt werden würden. Und alles noch einmal von vorne anfangen durfte.

Draußen schneit es. Während meine jüngste Tochter neben mir auf dem Sofa liegt, träume ich von unserem Winterinselleben auf Gomera. Und von einer Zeit nach der Pandemie. Sowie fossilfreien Flügen. Denn dann werden wir wiederkommen in das Tal des großen Königs. Und uns königlich entspannen. Mit schwarzem Sand, kullernden Steinen und dem Klang der Hippietrommeln.

Meine Tipps für La Gomera:

– Hinkommen: Auf La Gomera gibt es nur einen kleinen Provinzflughafen, der hauptsächlich für inner-kanarische Flüge genutzt wird. Am besten reist man von Deutschland mit dem Flugzeug nach Teneriffa-Süd (Aeropuerto Reina Sofia, TFS) an, da sich der Flughafen unweit vom Hafen Los Cristianos befindet. Vom Flughafen gelangt man mit dem Taxi innerhalb von 20 Minuten zum Fährhafen. Mehrmals täglich verkehren die Reedereien Fred Olsen und Naviera Armas zwischen Los Cristianos auf Teneriffa und San Sebastian auf Gomera. Vor der Flugbuchung empfiehlt es sich, den Fährfahrplan zu checken. Aufgrund von ungünstigen Flugzeiten mussten wir schon Zwischenübernachtungen auf Teneriffa in den Kauf nehmen.

Von San Sebastian de la Gomera im Osten der Insel gelangt man am besten mit dem Taxi oder dem Mietwagen in das Valle Gran Rey (Fahrtstrecke 50 km). Es verkehrt auch eine Buslinie auf der Strecke, die allerdings nur wenige Fahrten am Tag anbietet. Da die Anreise nach La Gomera lang und etwas umständlich ist, würde ich bei einer Reise mit Kindern einen Mindestaufenthalt von 10 Tagen empfehlen.

– Klima: Das Klima auf La Gomera ist ganzjährig mild. Im Winter bewegen sich die Temperaturen um die 21 °C. Abends und bei Wind kann es aber auch etwas kühler werden, sodass für Kinder auf jeden Fall ein Fleece und eine dünne Mütze in das Reisegepäck gehören.

– Wohnen: Wir wohnen im „Valle“ am liebsten im Ortsteil Playa de la Calera.

– Mit Kindern können wir das fantastische Ferienhaus von Celia mit Garten und toller Kinderausstattung wärmstens empfehlen. Auch die Bungalows Oasis sind ein heißer Tipp.

­ Zu zweit haben wir uns in der Gomera Lounge sehr wohlgefühlt. Hier gibt es Meeresblick, Betten auf dem Balkon, eine Sauna auf der Dachterrasse sowie ein tolles Spa- und Massageangebot.

– Unternehmungen mit Kindern: Während unseren Winterpausen mit Kindern auf La Gomera haben wir das Valle Gran Rey kaum verlassen. Aber an folgenden Unternehmungen hatten sowohl wir als auch unsere kleinen Kinder Spaß:

– Sanftes Whale Watching: Vom Hafen Vueltas im Valle Gran Rey starten täglich Whale Watching Ausflüge. Wir haben für unseren Ausflug ein kleines Fischerboot gewählt und konnten die Meeressäuger mit ausreichendem Abstand, aber dennoch sehr eindrucksvoll beobachten.

– Wanderung zum Wasserfall: Vom malerischen Künstlerdorf El Guro gelangt man zum Wanderweg „Salto del Agua“. Von hier aus geht es ca. 1,5 Stunden über Stock und Stein zu einem hübschen kleinen Wasserfall. Mit einem Kind im Tragerucksack und einem trittsicheren Kind im Kindergartenalter konnten wir diese Einsteigerwanderung gut bewältigen.

– Ausflug zum Unesco geschützem Lorbeerwald im Nationalpark Garajonay: Diesen mystischen Nebelwald in der Inselmitte muss man bei einem Gomera-Besuch einfach gesehen haben. Im Nationalpark gibt es herrliche Wanderwege, die zum großen Teil auch für Familien geeignet sind. Für diesen Ausflug bietet es sich an, ein Auto zu mieten.

– Shoppen: Im Valle Gran Rey findet man in den großen Spar Supermärkten und den kleinen Bioläden alles, was man in einem Urlaub mit Kindern gebrauchen könnte. Abends sind wir gerne durch die kleinen Gassen im Ortsteil Vueltas gebummelt, in dem viele nette Läden mit Bioprodukten, Handwerk und Hippieklamotten und -accessoires zum Shoppen einladen. Jeden Sonntag findet im Valle Gran Rey der Wochenmarkt „Mercadillo de Valle Gran Rey“ statt, alle zwei Wochen mit Floh- und Trödelmarkt.

– Essen & Trinken: Eigentlich hat es uns in allen Restaurants gefallen, die wir auf Gomera besucht haben. Hier kommen dennoch ein paar Favoriten:

– Für die frischesten Smoothies nach dem Strand: Bistro Noah’s Ark in La Puntilla.

– Für ein romantisches Dinner zum Sonnenuntergang: Restaurant Tambara in Vueltas.

– Für orientalische Spezialitäten mit Meeresblick: Restaurant La Garbanza in La Puntilla.

– Für kinderfreundliche Bedienung und leckere Pizzen: Restaurant La Avenida in La Playa.

Ausführliche Informationen zu La Gomera findet ihr bei www.gomeralive.de.

7 Kommentare zu „Schwarzer Sand, kullernde Steine und Hippietrommeln: Winterinselleben auf La Gomera

  1. Besser kann man Gomera nicht beschreiben! Die Insel ist einfach etwas ganz besonderes 🙂 Wir sind schön öfter für ein paar Tage auf der Nachbarinsel gewesen und genießen es immer wieder. Ich drück dir die Daumen, dass auch ihr bald wieder auf die Insel kommen könnt. Liebe Grüße von Teneriffa
    Ingrid

    Gefällt 1 Person

    1. Herzlichen Dank! Hier im Norden ist es heute grau und stürmisch und die Sehnsucht nach unseren Gomera-Wintern wird immer größer. Und auch Teneriffa ist wunderschön – wir haben oft noch eine Woche auf der Nachbarinsel drangehängt, da mein Mann dann doch nicht ganz auf das Kitesurfen verzichten wollte. Die Spots auf Teneriffa sind einfach unschlagbar.

      Liebe Grüße in den Süden!

      //Malin

      Gefällt 2 Personen

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