Inselmenschen: Franz von Helgoland

Helgoland erinnert mich an meine Kindheit. An schauklige Schifffahrten mit der „Pidder Lyng“ und an glitzernde Wellen im endlosen Blau. An meinen Papa in heller Sonntagskleidung und meinem Bruder mit grünem Gesicht. An den ersehnten Nervenkitzel beim Ausbooten und den obligatorischen Spaziergang über das Hochland. An die lauthalse Begrüßung der Langen Anna und das unaufhörliche Kreischen der Hochseevögel. An kitschige Gartenzwerge in der Kleingartenkolonie mit Meerblick und seekrankheitsbedingte Saubermachaktionen im Freibad mit Meerwasser. An vollgepackte Kühltaschen mit argentinischen Rindersteaks und an klappernde Kartons mit schottischem Whiskey. Und an mir endlos vorkommende Heimfahrten nach Amrum sowie einen letzten wehmütigen Blick auf den roten Felsen in der Abendsonne.

Erinnerungen an eine Übernachtung auf Helgoland habe ich jedoch nicht. Und das ist schade. Denn dann hätte ich vielleicht die Jugendherberge kennengelernt, in der Franz arbeitet. Franz ist als Zivi auf die Insel gekommen und anschließend „hängengeblieben“. Im folgenden Inselmenschen-Interview beantwortet er unsere fünf Fragen an Insulaner und gewährt interessante Einblicke in seinen Alltag auf Deutschlands einziger Hochseeinsel:

#01 Wie geht es dir heute?

Mir geht es heute ganz gut. Es ist Sonntag und auf Helgoland ist das immer ein riesiger Abreisetag. Am Wochenende war zum Beispiel ein großes Friesentreffen auf der Insel und heute sind hier im Haus 120 Leute abgereist. Die Stimmung von der Gruppe war super, die hatten ihre Freude auf der Insel und wir sind mit ihnen auch gut klargekommen. Wir haben wunderbares Wetter und so langsam geht es in die Planung für die nächste Woche. Die ersten Grüppchen, die in die Jugendherberge kommen wollen, sind schon da und morgen kommt dann noch ein ganzer Schwung Schüler, der das Haus wieder komplett füllt. Im Großen und Ganzen ist mein Arbeitstag für heute fast fertig. Ich habe gleich  noch eine Inselführung mit einer Schulklasse, bei der sie etwas über die Geschichte der Insel erfahren. Und so habe ich dann auch diesen Sonntag gut überstanden. So oder ähnlich sehen die Sonntage hier auf der Insel immer für mich aus.

#02 Du lebst auf einer Insel. Wie ist es dazu gekommen?

Ich lebe hier auf Helgoland, weil ich nach meinem Abitur erst mal aus meinem kleinen Dorf herauswollte. Grundsätzlich war die Idee mal etwas anderes zu sehen. Durch meine Familie hatte ich schon einen Bezug zu Helgoland und bin selber ein großer Fan von Wasser; meine Schwester ist direkt nach ihrer Ausbildung hierhergekommen. Und ich habe mir dann überlegt, ob ich den Zivildienst wohl auf Helgoland machen könnte und mich bei der Jugendherberge gemeldet. Das ging dann alles ganz fix. Ich war als Jugendlicher schon öfter auf der Insel, kannte hier ein paar Leute, fühlte mich gut aufgehoben und bin dann auch nach Aufenthalten auf Sylt und in Wilhelmshaven hier geblieben, bzw. zurück gekommen.

#03 Was magst du an deinem Inselleben am meisten? Und was am wenigsten?

Wir haben hier auf der Insel noch diese etwas gemütlichere Lebensweise. Wenn man bis 18:00 Uhr nicht seinen Kram erledigt hat, dann macht man das eben am nächsten Tag. Ich bin in den Achtzigerjahren geboren und hier auf der Insel ist es noch ein bisschen das Feeling der Neunzigerjahre: Die Läden haben nur bis 17:00 Uhr oder 18:00 Uhr auf; es gibt hier erst seit zwei Jahren einen Kiosk, der bis 20:00 Uhr geöffnet ist. Wenn man bis 18:00 Uhr nicht einkaufen war, dann muss man den Abend irgendwie so überstehen. Notfalls geht man halt zum Nachbarn und leiht sich da eine Pizza, Zucker oder Nudeln oder was man sonst noch benötigt. Im Supermarkt bekommt man hier natürlich nicht alles, was man auf dem Festland kaufen kann. Die Edekas hier auf der Insel haben noch einen „Tante Emma Laden“-Stil. Das sind keine Riesenläden wie auf dem Festland, aber natürlich trotzdem mit einer recht großen Auswahl.

Ein weiterer Vorteil ist, dass man hier sehr schnell von A nach B kommt. Die Insel ist nicht groß und der längste Weg geht hier von unserer Jugendherberge bis zum Südhafen. Das sind rund 1,7 Kilometer. Man ist schnell überall und das gefällt mir. Auf jeden Fall ein Grund, warum ich hier so gerne lebe.

Man muss hier auf der Insel natürlich auch Abstriche machen und auf einige Dinge verzichten. Wir haben hier kein großes Einkaufszentrum, es gibt keine Disco, dafür aber ein kleines, schnuckeliges Kino, in dem aber natürlich nicht immer die aktuellsten Filme laufen. Aber wenn man mit den Einschränkungen klarkommt, dann ist es hier ganz wunderbar. Das Leben ist einfach ein wenig entspannter als in der Stadt. Ich war zwischendurch noch ein paar Jahre in Wilhelmshaven, was jetzt auch nicht gerade die größte oder schnelllebigste Stadt ist, aber das ist trotzdem ein wahnsinniger Unterschied zu Helgoland. Das Leben auf dem Festland ist zwar auch ganz nett, aber dadurch, dass hier alles so nah ist und man alles hat, was man eigentlich braucht, ist das Inselleben für mich ideal und schön. Außerdem ist die Luft hier natürlich ein Traum.

#04 Wenn Du eine Sache auf deiner Insel verändern dürftest: Was wäre das?

Diese Frage müsste ich das aus persönlicher Sicht beantworten. Zum Beispiel haben wir jetzt mit den Fähren das Problem, dass sie zu ganz unterschiedlichen Zeiten auf der Insel ankommen. Das ist für uns als Vermieter natürlich schwierig, da die Anmeldung eigentlich durchgängig den ganzen Tag besetzt sein muss. Nicht gerade einfach nach der Corona-Zeit und den Personalsorgen, die man derzeit noch mehr hat als in den Jahren davor. Mit der Anreise war das früher, als ich hier angefangen habe, anders. Da lagen alle Schiffe zwischen 11:30 Uhr und 13.00 Uhr auf Reede (die Gäste wurden ausgebootet) und der Gast war immer um spätestens 14:30 Uhr in der Herberge. Für uns als Vermieter war das natürlich viel angenehmer. Aber ich verstehe, dass unsere Gäste die unterschiedlichen Fahrzeiten heutzutage schätzen, da sie viel flexibler sind.

Es gibt noch etwas, was ich mir wünschen würde, was aber wohl nicht passieren wird: Helgoland ist ja auto-und fahrradfrei. Selbst für die E-Karren und Fahrräder, die gewerblich genutzt werden, braucht es eine Sondererlaubnis. Eine schöne Sache wäre, wenn zumindest die Helgoländer, die hier leben und gemeldet sind, die Möglichkeit hätten, E-Scooter oder auch Skateboards mit E-Antrieb zu nutzen. Die sind nämlich leider auch nicht erlaubt, da es sich um Straßenverkehrsmittel handelt. Aber da selbst der Fahrradverkehr für Privatpersonen komplett verboten ist, habe ich keine großen Hoffnungen. Aber eine tolle Sache wäre das!

#05 Und zum Schluss noch: Was empfiehlst du allen, einmal auf deiner Insel getan zu haben?

Auf jeden Fall muss man einmal rüber zur Düne, um die Kegelrobben zu sehen. Die sind zu jeder Zeit dorf. Besonders empfehlenswert ist hierfür aber tatsächlich auch der Winter. Das ist eine unglaublich ruhige und schöne Zeit, insbesondere wenn man aus der Stadt oder aus einem sehr belebten Gebiet kommt. Und zwischen Mitte November und Mitte Januar werden hier viele neue Tiere das Licht der Welt erblicken. Man kommt nirgendwo anders so nah an die frischgeborenen Kegelrobben ran wie bei uns. Sie liegen ja normalerweise auf den Sandbänken und hier kann man quasi an ihnen vorbeilaufen. (Mindestabstand einhalten) Wir hatten letztes Jahr über 650 Geburten von Kegelrobben. Das ist schon etwas sehr Besonderes.

Für alle, die sich ein wenig für Geschichte interessieren, ist auch die Bunkerführung sehr spannend. Erfahrene Guides, die sich u. a. mit Zeitzeugen(berichten) befasst haben, führen Besucher durch die Reste des Zivilschutzstollens, in den sich die Helgoländer während der Bombenangriffe im Zweiten Weltkrieg zurückgezogen haben.

Das sind eigentlich meine beiden wichtigsten Tipps, aber eine Rundfahrt mit dem Börteboot, eine Führung über die Insel, oder auch die Vogelwarte sind einen Besuch bzw. Versuch wert. Auch ein Spaziergang zur Langen Anna und zum Lummenfelsen, wo u.a. die Trottellummen, die Eissturmvögel und die Basstölpel brüten, ist sehr empfehlenswert. Auch der Helgoländer Knieper oder der Eiergrog ist einen Geschmackstest wert.  Ich finde es ist wirklich ein spezieller Ort in Deutschland, da wir solche Klippen sonst nirgendwo haben. Insgesamt ist die Insel perfekt zum Seele baumeln lassen. Actionurlaub, oder sehr viel Trubel brauch man hier nicht erwarten – außer vielleicht in der Zeit im Sommer wenn die Tagestouristen auf der Insel sind – aber als Tip von 12.00 Uhr bis 16.00 Uhr einfach die Einkaufsstraßen meiden. 

Interview vom Mai 2022.

Weitere Interviews aus der Serie „Inselmenschen“ gibt es hier:

Banner für die Interviewserie "Inselmenschen" auf www.inselleben.net

Titelfoto: © Franz Toben.

5 Kommentare zu „Inselmenschen: Franz von Helgoland

  1. Ich habe Helgoland mal besucht, gerade eben, im Internet. Hach, das wäre ein schöner Rückzugsort, mal so für ein langes Wochenende. Gibt es denn keinen Direktflug von Mailand?😉
    Bin mir nicht sicher, dort immer leben zu wollen, aber besuchen würde ich die Insel schon unheimlich gerne mal.

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    1. Für mich ist Helgoland immer ein typisches Tagesausgflugsziel gewesen – wir waren in meiner Kindheit mindestens einmal pro Sommer da. Und obwohl eigentlich ganz in der Nähe lag, fühlte es sich immer etwas exotisch und speziell an. Würde auch gerne mal in der ruhigeren Jahreszeit dort übernachten und die Stille und das Meer genießen. Gibt aber leider auch keine Direktflüge von Gotland 😉. Auf Dauer wäre die Insel mir mit ihren 1 km² aber zu klein…da habe ich einen zu großen Bewegungsdrang und würde wahrscheinlich die ganze Zeit nur unruhig im Kreis rennen… !

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