Der beste Grund die Insel zu verlassen – oder mein Papa, die Stones und ich

Bild von Mick Jagger 1965 an Bord des Radioschiffes "Cheeta". auf dem Öresund vor Malmö.

Eigentlich macht es wenig Sinn, im Sommer eine Insel zu verlassen. An einem Ort zu wohnen, an dem andere Menschen viel Geld bezahlen, um dort Urlaub zu machen, ist wahrhaftig ein großes Privileg. Dennoch ist es Ende Juli und ich sitze auf einer Fähre, die mich auf das Festland bringt. Zu meinen Rolling-Stones-Konzerten 23 und 24. Oder 24 und 25. Wenn man das Konzert mitzählt, das ich im Juni 1982 im hochschwangeren Bauch meiner Mutter miterleben durfte. Schon damals habe ich im Takt zu Mick Jaggers lasziven Hüftschwüngen ekstatische Purzelbäume geschlagen. Schon damals waren die Stones die treibende Kraft, die meinen Papa dazu gebracht haben, im Sommer seine Heimatinsel zu verlassen.

Mein Papa war ein Amrumer mit ganzem Herzen. Tief verwurzelt auf seiner Insel. Aber immer den Blick auf den Horizont gerichtet. Und an ebendiesem weiten Nordseehorizont tauchte dann Anfang der Sechzigerjahre auf einmal ganz unverhofft etwas auf, was die Insel noch nie gehört hatte. Wild, frei und unbändig. Wie der Amrumer Kniepsand. Von englischen Piratensendern in Radiowellen über die Nordsee geschickt landeten die harten Riffs der Rolling Stones auf der kleinen Insel. Und hinterließen einen großen Eindruck. Auf einmal wurde die abgelegene Lage von Amrum zu einem riesigen Vorteil: Denn weiter im Westen bedeutete auch näher an England. Und damit mitten im Empfangsbereich der Piratensender. Plötzlich waren die Amrumer Jugendlichen immer auf dem neusten Stand. Und ihren Altersgenossen auf dem Festland musikalisch um eine Nasenlänge voraus.

Wenn es nach meinen Großeltern gegangen wäre, dann wären die „Stones“ am besten niemals an die Amrumer Küste gerollt. Die rhythmischen Schallwellen, mit denen sie aus dem Transistorradio meines Vaters konfrontiert wurden, empfanden sie als mindestens genauso düster, unberechenbar und gefährlich wie die tosenden Nordseewellen bei einer ordentlichen Sturmflut. Bangend sahen sie zu, wie die Musik immer lauter, die Haare immer länger und der Horizont immer weiter wurde. Aber eigentlich konnten sie beruhigt sein. Aus der leichten Brise wurde niemals ein wütender Orkan, aus meinem Papa niemals ein „Street Fighting Man“. Und es gab auch keine „palace revolution“ in der Inselstraße. Nur wenn die Rolling Stones eine neue Tournee ankündigten, stieg der Puls auf beiden Seiten. Denn dann musste mein Papa dringend von der Insel weg, elterlicher Betrieb hin oder her.

Mit 12 Jahren durfte ich zum ersten Mal mit. Von meinem Inselklassenlehrer für ein „wichtiges kulturelles Ereignis“ freigestellt machte ich mich mit meinem Papa auf den Weg in die dänische Hauptstadt. Erwartungsvoll fand ich mich in einem wogenden Meer voller Tuborg-trinkender Stones-Fans wieder, der nordisch-helle Juniabendhimmel feierlich über unseren Köpfen, die zaghafte Aufregung laut pochend in meinem Herzen. Mit einsetzender Dämmerung wurden dann im „Parken“ die Leinen losgemacht und ein gewaltiger Sturm ausgelöst: Die Bühne bebte, die Luft brannte, Mick tänzelte, trippelte, sprang, stolzierte, zappelte und zuckte. Und ich vibrierte – von oben bis nach unten, im Innen sowie im Außen. Endlich hatte ich eine passende Resonanzfrequenz gefunden. Die Schwingung passte und es gab kein Zurück mehr. Eine dänische Abendzeitung betitelte das Konzert am nächsten Tag mit „GIGANTISK“. In meiner jugendlichen Leidenschaft ein viel zu kleines Wort für das, was sich da gerade in mir zusammenbraute.

Während für meinen Papa die Musik der Rolling Stones als eine Abgrenzung gegenüber seinen Eltern diente, so schenkte sie uns einen gemeinsamen Nenner. Oft denke ich an schlaflose Nächte in schummrigen Bahnhöfen. An lange Autofahrten mit der orangeleuchtenden Morgensonne im Rücken. An unendliche Wartezeiten vor den Konzerten. Im erbarmungslosen Regen. Bei glühender Hitze. Ich erinnere mich an nervenkitzelnde Sprints durch Stadien. Und daran, wie blitzschnell mein Papa war. Ich werde nie das Gefühl vergessen, in der ersten Reihe zu stehen und mich hüpfend auf der überdimensionalen Leinwand zu erspähen. Angepeitscht von Micks Lippen – vollkommen außer Rand und Band. Ein paar Schritte hinter mir sehe ich noch immer meinen Papa. Ein Fels in der Brandung. Mit einem Bier in der Hand, einem Lächeln im Gesicht und den Blick stets fest auf den Horizont gerichtet.

2018 war ich bei meinem vorerst letzten Rolling-Stones-Konzert in Berlin. Damals saß Charlie Watts noch hinter dem Schlagzeug und mein Vater war noch am Leben. Er war zwar zu krank, um mich zu begleiten, nahm aber meine Erzählungen über das Konzert mit auf seine letzte Reise. Eine Woche später wurde auf seiner Beerdigung „Angie“ in der St. Clemens Kirche zu Amrum gespielt. Noch nie hat Mick Jagger so gut geklungen. Und ich war wieder ganz vorne mit dabei. Front of stage, wo sonst.

Zum Weiterlesen:

Im “Kleinen Amrumer” gibt es ab Seite 6 einen spannenden Artikel über „Piratensender auf Amrum“ mit der Geschichte meines Papas und seiner Freunde.

Zum Weiterhören:

„Angie“ vom Konzert im Juli 2022 in Stockholm. Ein ergreifender Moment. (Und ja, ich kreische da im Hintergrund).

15 Kommentare zu „Der beste Grund die Insel zu verlassen – oder mein Papa, die Stones und ich

  1. Wir wohnen ja wie du einem Ort, wo Urlaub zu machen die Leute viel Geld bezahlen, allerdings verlassen wir den wenig und wenn, dann suchen wir uns ein bequemes Hotel in einem anderen Ort (meist nördlicher), in dem wir dann viel Geld bezahlen, um Urlaub zu machen. Eigentlich ist das ja absurd, aber was soll’s.
    Heute war das Meer sehr rau, aber die Sonne schien und es war ziemlich warm. Wir ließen unser Boot im Hafen.
    Masterchens Lieblingsband war übrigens Pink Floyd, die er in Venedig, Dortmund und London hörte.
    Dann mach’s ‚mal gut.
    Moin moin
    The Fab Four of Cley
    🙂 🙂 🙂 🙂

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  2. Jetzt haben wir erst mitbekommen, dass du auf Amrum wohnst. Da haben wir vor zehn Jahren einen wunderschönen Urlaub im Oktober und November verbracht. Dina war erstaunt, dass sie als Norwegerin dort verstanden wurde.
    Masterchen hat übrigens als Student in mehreren Semesterferien im Küstenmuseum auf Juist gewohnt und gearbeitet, was ihn später dazu brachte, über Piraterie zu forschen und zu veröffentlichen.
    Keep well
    The Fab Four of Cley
    🙂 🙂 🙂 🙂

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    1. Herzlichen Dank für deinen Kommentar. Hier war die See heute auch wunderbar rau und die Luft angenehm salzig. Wie schön, dass ihr meine Heimatinsel kennenlernen durftet. Ein paradiesisch schöner Fleck auf unserer Erde. Das Amrumer Friesisch ist tatsächlich eine niedliche Mischung aus Dänisch, Deutsch, Holländisch und Englisch – da kommt man mit Norwegisch bestimmt ziemlich weit. Ich bin auf Amrum aufgewachsen, wohne aber mittlerweile auf Gotland. Island-Hopping hat mir schon immer Spaß gemacht – ein paar Jahre habe ich sogar auf Sylt gelebt. Und da ist es dann noch teurer … 😉.

      Habt ein schönes Wochenende! Trevlig helg!

      //Malin

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  3. Wie schön. Auch ich erinnere mich ganz genau an mein erstes Stones-Konzert – an die glühende Hitze, das Gedränge, das Headbangen und meine am Stacheldraht zerrissene Jeans. An die zerquetschten Käsebrote aus meinem Rucksack, an das großartige „Gimme Shelter“, an meine heulende Freundin, die geschmolzene Schokolade und die blauen Flecken überall.
    Es war unvergleichlich wunderbar.

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    1. Ich sehe es bildlich vor mir 😅!!!
      Sein erstes Stones-Konzert wird man wohl nie vergessen – wahrhaftig ein Rausch an „unvergleichlich wunderbaren“ Erinnerungen, die noch lange nachhallen. Danke für Deine Erzählung und liebe Grüße!

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